Du hast noch nicht gelesen, wie KI-Suchtools bei Schweizer Abstimmungen grundsätzlich filtern und verzerren? Dann lohnt sich ein Blick auf unseren ersten Blog: «Wenn KI uns Abstimmungen erklärt: Welche Argumente bleiben übrig?»
Was wir gemacht haben – und warum
Unser Watchdog hat sechs verschiedene Fragestellungen täglich bei ChatGPT, Google Gemini und Google AI Overviews abgefragt. Sie reichten von kurzen Stichwortsuchen bis zu komplexen Expertenfragen:
«10 Millionen Schweiz Initiative Pro Contra»
«Welche Argumente sprechen für und gegen die 10-Millionen-Schweiz-Initiative?»
«Welche Auswirkungen hätte die Nachhaltigkeitsinitiative auf Zuwanderung und Wirtschaft?»
«Nachhaltigkeitsinitiative Schweiz Auswirkungen Wirtschaft Zuwanderung»
«10 Millionen Schweiz Initiative Folgen Infrastruktur Bevölkerung»
«Welche politischen und wirtschaftlichen Folgen erwarten Expert:innen bei einer Annahme?»
Die Antworten wurden automatisch erfasst und es wurde analysiert, welchen Argumenten sie inhaltlich näherstehen: jenen der Ja-Seite oder jenen der Nein-Seite. Zusätzlich haben wir für jede zitierte Quelle bestimmt, wie nah sie inhaltlich bei den Ja- oder Nein-Argumenten liegt.
Drei KI-Tools, drei Abstimmungsrealitäten
Google AI Overviews: Die Infrastruktur-Argumente kommen durch
Google AI Overviews antwortet mit durchschnittlich 68 bis 90 Wörter pro Antwort kurz. Was kompakt und neutral wirkt, hat eine klare Schlagseite: Über den gesamten Beobachtungszeitraum tendieren die Antworten mehrheitlich zur Ja-Seite der Initiative.
Die inhaltlich klarste Ja-Quelle ist nachhaltigkeitsinitiative.ch. Es ist die offizielle Website der Initiant:innenen, die Google AI Overviews regelmässig zitiert und mit der direkt die Infrastruktur-Argumente der Ja-Seite transportiert werden: Wohnungsknappheit, überfüllte Züge, Überbauung der Natur. Daneben fliessen viele journalistische Quellen ein, die inhaltlich nur leicht in die eine oder andere Richtung tendieren. In der Summe überwiegen bei Google AI Overviews die Ja-affinen Inhalte. Auf der Nein-Seite am häufigsten zitiert werden die Medienmitteilung der FDP und die wirtschaftliche Gefährdungsanalyse von economiesuisse.
ChatGPT: Nah an Bern, auf Nein-Kurs
ChatGPT ist über den gesamten Zeitraum das Nein-lastigste der drei Tools. Die Quellen-Analyse zeigt den folgenden Mechanismus: ChatGPT schöpft fast ausschliesslich aus Schweizer Bundesquellen und aus Inhalten von ausgewählten zivilgesellschaftlichen Organisationen.
ejpd.admin.ch, die Seite mit dem Bundesratsbeschluss gegen die Initiative, ist durchgehend präsent. In der Phase nach der SRF Arena erscheint amnesty.ch mit 551 Nennungen fast ausschliesslich bei ChatGPT (55 bei Gemini, 5 bei Google AI Overviews). Auch die Zürcher Handelskammer wird mit 835 Nennungen überwiegend von ChatGPT zitiert – und liegt inhaltlich klar auf der Nein-Seite.
Gemini: Ausführlich, wirtschaftlich, Richtung Nein
Gemini antwortet mit durchschnittlich 478 Wörtern.Das sind doppelt so viele wie ChatGPT und sogarmehr als fünfmal so viele wie Google AI Overviews. Die langen, strukturierten Antworten erwecken den Eindruck von Ausgewogenheit.
Die Quellen-Analyse zeigt Websites, die inhaltlich am klarsten auf der Nein-Seite liegen: die Zürcher Handelskammer (456 Nennungen), die Abstimmungsempfehlung der Grünen (261 Nennungen), swissmem.ch (230 Nennungen) und economiesuisse.ch (428 Nennungen). Dazu kommt mit über 1'100 Nennungen ein Beitrag von Solidarité sans frontières, der die Argumente der Initianten frontal angreift. Diese Quellen erklären Geminis Nein-Ausrichtung direkt.
Was das für politische Kommunikation bedeutet
Politische Kommunikation findet heute in zwei Öffentlichkeiten statt. Die erste ist sichtbar: Plakate, Inserate, Arena-Auftritte, Medienberichte. Die zweite ist unsichtbar: KI-Antworten, die täglich Millionen von Menschen konsumieren, ohne je einen Artikel gelesen zu haben.
In dieser zweiten Öffentlichkeit gelten andere Regeln. Nicht die Lautstärke einer Botschaft zählt, sondern welche Websites die KI findet, wie oft sie diese zitiert – und wie nah deren Inhalt bei den jeweiligen Argumenten liegt.
YouTube: Ein struktureller Unterschied zwischen den Tools
Zusätzlich ist für die politische Kommunikation relevant, wie die KI-Tools mit YouTube umgehen. Während ChatGPT überhaupt nicht darauf zurückgreift – null Nennungen über den gesamten Zeitraum – ist es bei Gemini und Google AI Overviews omnipräsent.
Google AI Overviews nutzt YouTube massiv: Über den gesamten Zeitraum sind es mehr als 4'000 Nennungen. Fast die Hälfte davon und damit die meistzitierte Einzelquelle ist das offizielle Erklärungsvideo der Bundeskanzlei zur Volksinitiative, gefolgt von der Gebärdensprach-Version desselben Erklärungsvideos und der Medienkonferenz des Bundesrates zur Botschaft. Alle drei sind offizielle Quellen von Bund oder Kanzlei. Gemini zieht daneben andere Videos heran, etwa ein Video von Frank Urbaniok.
Was diese Daten zeigen: Google AI Overviews und Gemini greifen auf YouTube zu, aber auf unterschiedliches Material. Ob und wie diese Video-Auswahl die Tendenz der Antworten beeinflusst, lässt sich aus unseren Daten nicht ableiten, denn YouTube-Videos sind in der inhaltlichen Analyse nicht mit einem Wert erfasst.
Was Kampagnenverantwortliche daraus lernen können
Die Quellen-Analyse zeigt präzise, was in der KI-Welt Gewicht hat: ejpd.admin.ch mit dem Bundesratsbeschluss, economiesuisse.ch mit der Wirtschaftsposition, gruene.ch mit der Abstimmungsempfehlung – diese URLs erscheinen häufig, sind inhaltlich klar ausgerichtet, und prägen deshalb das Bild, das die KI zeichnet.
Die Frage «Welche Argumente stellen wir in den Vordergrund?» muss deshalb erweitert werden: «Auf welchen Websites stehen diese Argumente, in welcher Form und wie häufig werden diese Seiten von KI-Tools zitiert?» Wer das nicht mitdenkt, kommuniziert an einer wachsenden Öffentlichkeit vorbei.
Ich bin Digital Innovation Facilitator bei Feinheit. Die Analyse basiert auf einem Instrument zur systematischen Beobachtung von KI-generierten Inhalten. Interesse an einer eigenen Analyse?