Digitale Suffizienz - Nachhaltigkeit in der Digitalisierung

Was digitale Suffizienz bedeutet und wie wir unseren Beitrag leisten können.

Die nachhaltige Gestaltung von unserem (Arbeits-)Alltag ist überall präsent. Wir diskutieren über papierlose Arbeitsplätze, Fairtrade-Kaffee und die ÖV-Nutzung. Darüber, wie viel CO2-Emissionen* durch die Herstellung, Nutzung und Entsorgung elektronischer Geräte verursacht werden, sprechen hingegen nur wenige. Dabei verschlingt laut Greenpeace die weltweite Smartphone-Produktion 968 Terawattstunden Strom. Damit liesse sich Indien ein Jahr lang komplett mit Energie versorgen (Quelle).

Was bedeutet Suffizienz?

Suffizient zählt neben Effizienz und Konsistenz zu den drei Bestandteilen von Nachhaltigkeitsstrategien.

Unter Suffizienz wird der bewusste Verbrauch von (begrenzten) natürlichen Ressourcen verstanden. Ein Bewusstsein für Suffizienz führt zu einem sparsamen Umgang mit Energie und Materialien. Ziel ist es, ein ressourcenschonendes, gutes Leben mit Mass zu führen und dabei die Umwelt zu schonen.

Was bedeutet digitale Suffizienz?

Digitale Suffizienz bedeutet den bewussten und sparsamen Umgang mit Ressourcen und Energie in der Produktion, Anwendung und der Entsorgung mit elektronischen Geräten.

Was bedeutet das für die Digitalisierung?

Von der Digitalisierung versprechen wir uns verbesserte Prozesse, optimierte Investitionen und höhere Lebensqualität. In anderen Worten: Die effiziente und dadurch nachhaltige Nutzung von Zeit, Geld und anderen Ressourcen. Doch eine Steigerung der Nachhaltigkeit kann alleine durch Effizienz nicht erzielt werden. Nur Effizienz verbunden mit digitaler Suffizienz führt zu digitaler Technologie, welche unsere Arbeits-, Lebens- und Wirtschaftsweise positiv beeinflusst.

In einem ersten Schritt muss entschieden werden, welche Digitalisierung sinnvoll ist und welche nicht. Erhalten wir unsere Lebensqualität und schonen dabei unsere Umwelt oder geht es darum, den Profit von wenigen zu erhöhen und damit in das soziale Ungleichgewicht zu investieren? Wird digitalisiert, führen Free- und Open-Source-Software oder Open-Data Projekte zu Effizienzsteigerung und effizienten digitalen Projekten. Dies wiederum leistet einen Beitrag zu einer offenen und gerechten digitalen Weltt.

Die vier Dimensionen der digitalen Suffizienz

Hardware Suffizienz

Beinahe alle verfügen über mehrere technische Geräte. Die Belastung der Umwelt durch Herstellung, Betrieb und Entsorgung von Hardware ist enorm gross. Einige der Ressourcen, welche für die Produktion von elektronischen Geräte gebraucht werden, sind nur endlich verfügbar. Es wird den Produzent:innen von Smartphones, Laptops und Tablets nicht uneingeschränkt möglich sein, Geräte zu produzieren. Dabei stellt der Nutzen der Geräte neben deren täglichen Gebrauch nicht die grösste Umweltbelastung dar, sondern deren Entsorgung am Ende der Nutzungsdauer. Dabei werden Geräte oft entsorgt, obwohl sie die Lebensdauer noch nicht überschritten haben und eigentlich noch funktionieren würden.

Die geplante USB-C-Pflicht spart nach EU-Angaben 1’000 Tonnen Elektroschrott pro Jahr ein. Das klingt im ersten Moment nach einer sehr grossen Zahl, das entspricht aber nur 0,1 Prozent des jährlich in Deutschland anfallenden Elektroschrotts.

Durch den bewussten Kauf von Geräten, deren Pflege, Reparatur, Wartung und dem Aufrüsten von solchen kann die Lebensdauer gesteigert und die Belastung für die Umwelt reduziert werden. Ist ein Gerät nicht mehr reparierbar und muss entsorgt werden, entlasten optimierte Recyclingsysteme die Umwelt weiter.

Seitens Hardware-Hersteller:innen ist die Produktion von Geräten wünschenswert, welche sich reparieren und aufrüsten lassen, ohne Obsoleszenz auskommen und langfristig wartbar sind. Es lohnt sich, Hersteller:innen solcher Geräte zu unterstützen.

Software Suffizienz

Unter Berücksichtigung von Rechenleistung, Datenvolumen und Datenverkehr bietet Softwaredesign diverse Möglichkeiten, Software energie- und ressourcenschonend zu schreiben.

Das gemeinsame Erarbeiten und Nutzen von Free- oder Open-Source-Software, von Open-Access oder von Open-Data ermöglicht einen ersten Schritt in Richtung digitaler Suffizienz.

Sehr grosses Einsparpotential bietet dabei die Berücksichtigung von digitaler Suffizienz im Tracking-Konzept. Das sparsame Sammeln und Übermitteln von Daten zu Tracking- und Werbezwecken freut dabei nicht nur unsere Umwelt, sondern auch Datenschützer:innen. Es bietet sich an zu prüfen, welche Performancewerte tatsächlich für eine Auswertung genutzt werden und keine weiteren zu sammeln.

Seitens Hardware-Hersteller:innen ist die Produktion von nachhaltiger und langlebiger Software wünschenswert. Das langfristige Warten, Optimieren und Betreiben von nachhaltiger und langlebiger Software führt zu kleineren Datenbergen und gleichzeitig zu langlebiger Hardware.

Was bedeutet KI für digitale Suffizienz?

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Dies liegt unter anderem daran, dass die Datenlage noch eher gering ist. Tendenziell lässt sich aber sagen, dass KI leistungsstärker und somit energieintensiver werden.

KI kann sowohl den Klimawandel bekämpfen, aber auch anheizen. Hierbei sind nicht nur Projekte zu beachten, welche schädliche Zwecke fördern. Auch klimapositive Projekte können sich negativ auswirken, indem sie selbst sehr viel Energie benötigen und durch den sogenannten Rebound-Effekt** allfällige Effizienzsteigerungen nur teilweise oder gar nicht eintreffen.

Vereinfacht gesagt muss sich KI Wissen aneignen, bzw. trainiert werden. Der Energiebedarf für diese Prozesse ist enorm. Gehen wir beispielsweise von KI aus, die mit Menschen in gesprochener Sprache interagieren und dabei auf Wörterbücher zurückgreifen muss, sind die Emissionen ähnlich hoch, wie bei einem Kleinwagen über dessen gesamte Nutzungsdauer (Quelle).

Auch im Falle von KI kann durch Hardware Suffizienz ein Beitrag geleistet werden. Des Weiteren tragen auch im Falle von KI Wiederverwendbarkeit von Algorithmen, Datensparsamkeit, kollaboratives/ föderales Lernen und Suffizienz als Richtwert beim Software Engineering ihren Teil zur Energieeinsparung bei.

Nutzungssuffizienz

Im täglichen Tun haben wir diverse Möglichkeiten, unser Handeln zu optimieren. Nicht nur, aber auch hinsichtlich der digitalen Suffizienz ist es ein erster Schritt, wenn wir uns die Frage stellen, wie wir unser Leben energie- und ressourcensparend gestalten können.

Brauche ich tatsächlich ein zusätzliches oder ein neues Gerät? Wenn ja, kann ich ein Gerät secondhand kaufen? Lässt sich die Lebensdauer meiner Geräte verlängern? Wo recycle ich meine defekten Geräte idealerweise?

Natürlich bietet auch das Nutzen von Software Möglichkeiten, das Leben nachhaltiger zu gestalten. So können beispielsweise in der Anwendung von Apps oder Online-Plattformen, wie Ricardo und Co. Produkte aus zweiter Hand gekauft oder über Too Good To Go Lebensmittel gerettet werden.

Ökonomische Suffizienz

Die Erreichung ökonomischer Suffizienz setzt politische Vorstösse voraus. Von Informations- und Kommunikationstechnologie gestützte Verbesserung führt zu höherer Arbeitsproduktivität. Es bliebe mehr Zeit für Care- und Subsistenzarbeit. Durch den Einsatz von Digitalisierung wird die Kreislaufwirtschaft gefördert.
(Definition Subsistenzarbeit: Unter dem Begriff «Subsistenzarbeit» verstehen wir unbezahlte Haus- und Versorgungstätigkeiten, sowie Selbstversorgung. Subsistenzarbeit bezeichnet die Produktion von lebensnotwendigen Gütern wie Nahrung und Kleidung für den eigenen Verbrauch oder Tausch, im Gegensatz zur Lohnarbeit. Sie umfasst Tätigkeiten wie Landwirtschaft und Handwerk. Obwohl moderne Entwicklungen ihre Bedeutung verringert haben, bleibt sie für viele Menschen weltweit wichtig. Care-Arbeit wie Kinderbetreuung und häusliche Pflege kann auch als Form der Subsistenzarbeit betrachtet werden.)

Was bedeutet das für Feinheit?

Wir arbeiten mit dem Open-Source Python-Framework Django und schreiben wann immer möglich Open-Source Software. Dabei bemühen wir uns, Software energie- und ressourcenschonend zu betreiben, indem wir auf langfristige Lösungen setzen und den Einsatz bei User:innen so ressourcenschonend wie möglich gestalten.

Unter Berücksichtigung von digitaler Suffizienz und dem Datenschutzgesetz vertreten wir die Haltung, Daten nur soweit notwendig zu sammeln. Die Auswertung dieser soll einen Mehrwert für die sammelnde Organisation bieten. Ist dieser nicht gegeben, empfehlen wir, auf ein Tracking zu verzichten.

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*Bei Berücksichtigung aller Faktoren verursacht jeder Jugendliche durch sein Smartphone durchschnittlich 600 Gramm CO2- Äquivalente klimaschädliche Treibhausgase pro Tag, was in etwa einer Autofahrt von 3 Kilometern entspricht.

(Quelle: https://www.zhaw.ch/forschungsdaten/research/Projekt-00001389/DigiSuff_Summary.pdf)

** Rebound-Effekt gemäss Wikipedia:
Mit Rebound-Effekt werden in der Energieökonomie Effekte bezeichnet, die dazu führen, dass das Einsparpotenzial von Effizienzsteigerungen nicht oder nur teilweise verwirklicht wird. Da die Effizienzsteigerung oft mit Kosteneinsparungen bei den Verbraucher:innen verbunden ist, führt dies dazu, dass 1) das Produkt intensiver genutzt wird, 2) zusätzliche Produkte der gleichen Art erworben werden oder 3) dass die Verbraucher:innen die freigewordenen Mittel für andere energieverbrauchende Produkte und Dienstleistungen verwenden.
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Rebound-Effekt_(%C3%96konomie))

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