Plüschsessel und Riesenleinwand – Was uns am ZFF gefallen hat

Das 11. Zurich Film Festival ist vorbei. Im Publikum sassen auch FEINHEIT-Experten. Hier unsere Filmauswahl.

The End of the Tour (Regie: James Ponsoldt)

Ein sehr schöner Film, der auf wahren Begebenheiten beruht. Der junge Rolling Stone-Journalist David Lipsky (gespielt von Jesse Eisenberg) begleitet den Schrifsteller David Foster Wallace auf dem Höhepunkt seines Erfolges während einer fünftägigen Lesetour zu seinem gefeierten und kontrovers diskutierten Roman «Infinite Jest».

«The End Of The Tour» ist ein eigentlicher Roadtrip, während dessen der Journalist den Autor nonstop interviewt. Die zwei Protagonisten nähern sich an und stossen sich wieder ab, während wichtige Lebensthemen durchdiskutiert werden. Das ist oft lustig, oft aber auch tieftraurig und der Regisseur versteht es, die Geschichte innerhalb dieser Ambivalenz gemächlich voranzutreiben.

Vor allem überzeugen die beiden Hauptdarsteller, die ich bisher nicht unbedingt auf dem Radar hatte, wenn es um ernstzunehmende Filmkunst ging. Vor allem Jason Segel (bekannt durch seine Rolle als Marshall aus der Serie «How I Met Your Mother») überzeugt durch sensibles Schauspiel.

Wie David Foster Wallace selbst versucht auch der Film, den Wahnsinn immer schön in geordneten Bahnen zu halten. Dem Film gelingt dies ausgezeichnet, der Autor selbst ist an dieser Aufgabe gescheitert. Er beging 2008 Selbstmord.

Ich habe praktisch alle Kurzgeschichten dieses Autors gelesen, habe mich aber nie an den einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Roman «Infinite Jest» mit seinen über 1000 Seiten herangewagt. Ich bin noch unentschlossen, ob ich es irgendwann doch noch lesen werde. Der Respekt davor ist nach dem Besuch dieses Films definitiv nicht kleiner geworden.

Patrik Schmid

Für «The End of the Tour» ist noch kein Kinostart in der Deutschschweiz geplant. Verleih: Walt Disney Company (Switzerland) GmbH

A Perfect Day (Regie: Fernando León de Aranoa)

Wie kann man den Zuschauern das Absurde und das Grausame eines Krieges am angenehmsten vermitteln? Nehmen Sie einfach eine Prise Humor, der sich durch den ganzen Film durchzieht. Genau wie «Good Morning Vietnam» schafft es «A Perfect Day», dass man als Zuschauer bei den Haudegen eines Hygiene-/Gesundheits-Einsatzteams inmitten eines der Balkankriege gerne dranbleibt. Denn die Figuren von Benicio del Toro und Tim Robbins sind zwar anpackende Helfer, doch zwischen ihnen und der Realität haben sie sich durch die Jahre eine dicke Wand aus schwarzem Humor und Fatalismus geschoben.

Natürlich tritt eine idealistische Neuankommende auf – deren Hysterie gegenüber den grotesken Aktionen der beiden verrückten Helfer man genüsslich beobachtet. Nachdem auf der Fahrt zwischen dem Einsatzort (ein Brunnen ist auf sehr spezielle Art zu reinigen) und dem Hauptquartier alle möglichen Passagiere dazugekommen sind, begibt sich die Gruppe nun mit frischem Mut und erfinderisch auf die Suche nach dem notwendigen Utensil für die Brunnenreinigung - einem langen Seil.

Das leichte Stück von León de Aranoa zeigt einen Abenteuerspielplatz für Ü-50er, was «Médecins Sans Frontières», welche die Border Lines-Sektion (worin der Film lief) mitorganisiert, in ihren Rekrutierungsbemühungen sicher nicht ungelegen kommt. Die Verwicklungen eines Krieges, die allen Akteuren zu schaffen macht, zeigt «A Perfect Day» dennoch in vereinzelten unaufgeregten Szenen. Schliesslich gibt es in einer Komödie auch immer einen absolut humorlosen Doofmann, der hier vom ganzen Uno-Blauhelm-Korps gemimt werden darf.

Erich Schwarz

«A Perfect Day» startet am 12. November 2015 in den Deutschschweizer Kinos. Verleih: Präsens

Deep Web (Regie: Alex Winter)

Der Film liefert einen tiefen Blick in die Entstehung der «Silk Road», einem digitalen Drogen-Schwarzmarkt im Deep Web – dem mit Suchmaschinen nicht auffindbaren Teil des World Wide Web. Detailliert beleuchtet der Dokumentarfilm die Rolle und Motivation des Betreibers, der auf der Plattform unter dem Pseudonym Dead Pirate Roberts (DPR) auftritt. Niemand weiss, wer er ist, bis das FBI im Oktober 2013 den 29-jährigen Ross Ulbricht als mutmasslichen Urheber verhaftet und vor Gericht stellt.

Trotz Informationsfülle ist die Geschichte packend erzählt und die Reise unter die Oberfläche des Webs faszinierend. Auch wenn die Geschehnisse zu einseitig zugunsten von Ross Ulbricht beleuchtet werden, bleiben am Schluss die aufgeworfenen Fragen zum Datenschutz und zur Überwachung im Internet nachhaltig haften – diese werden uns noch eingehend beschäftigen.

Simon Hugi

«Deep Web» lief als deutschsprachige Premiere am Zurich Film Festival und sucht einen lokalen Verleiher. Kinostart ist daher noch offen.

FEINHEIT und Filme

Weitere sehenswerte Filme für den Herbst finden Sie auf der neuen Webseite des Frame-Magazins, die FEINHEIT entwickelte. Für das 11. Zurich Film Festival hat unsere Agentur zudem die Microsite für den ZFF72-Wettbewerb und Weiterentwicklungen an der bestehenden Festivalseite verantwortet.

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