Tinder und UX – ein perfekter Match?

Unsere Kurzanalyse: Wie der Kuppel-Service Tinder für Nutzer vieles richtig macht. Oder: User Experience in der Praxis.

Tinder hat es kürzlich auf die NEON-Titelseite geschafft, ein Zeichen dafür, dass die Dating-App im Mainstream angekommen ist. Man hat das Gefühl, dass unter den 20- bis 30-jährigen Singles einer beliebigen deutschsprachigen Stadt, fast jede und jeder den Kuppelservice zumindest mal ausprobiert hat.

Wir wollten rausfinden, wie gut es die Mobile-Anwendung mit seinem User Experience Design schafft, die Benutzer zu binden und zu überzeugen. Eine Kurzanalyse, gespickt mit den Beobachtungen einer 30-jährigen Tinder-Novizin.*

1. Schneller Einstieg

Die Absicht: Tinder hat erkannt, dass ein möglichst unmittelbarer Einstieg in den Kernmodus des Auswählens unabdingbar ist. Öffnet man die App, muss ich nur drei Eingaben machen, bis die erste Kandidatin erscheint, die ich annehmen oder ablehnen kann.
In Realität: Die Testperson winkt die nötige Facebook-Authentifizierung ohne grosses Hinterfragen durch: «Irgendwie müssen die ja zu meinen Fotos kommen.» Sie bestätigt die Standort-Aktivierung, lehnt jedoch die Benachrichtigungen ab: «Ich möchte nicht, dass während einer Sitzung ‹Tinder› auf meinem Handy erscheint.» Und plötzlich, ein Mann starrt ihr bereits auf dem vierten Screen direkt in die Augen. Das geht ihr zu schnell. Die Testperson flüchtet sofort ins ‹Einstellungen›-Menü.

2. Die Grundlage dafür: automatisch erfasste Pflichtinformationen

Die Absicht: Damit überhaupt ein User derart direkt in die Arena des Wählens reingelassen wird, muss er oder sie ein vollständiges Profil haben. Mit dem automatischen Einholen von Facebook-Profilbildern als Tinder-Porträts ist dieser Schritt bereits ausgeführt, nachdem der User sich über Facebook angemeldet hat.
In Realität: Das vorgefertigte Profil ist ein Traum für den User, falls es ungefähr seinen oder ihren Absichten entspricht. Zum Vergleich: Der langjährige Platzhirsch in der Partnervermittlung Parship fordert den Profilinhaber auf, eigene Fotos hochzuladen. Solche sind bei vielen gerade nicht zur Hand, da Fotos häufig nicht systematisch abgelegt werden. Erste Frustration ist da, weil das Profil nicht in Kürze vervollständigt werden kann.

3. Das Gamification-Element / App-Design

Die Absicht: Mit einer einfach konstruierten Entscheidungssituation (Ja oder Nein) und einer regelmässigen Belohnung (die Übereinstimmung, der Match) zeigt Tinder wie gut Gamification eingesetzt werden kann, gerade auch bei einem solch privaten Thema wie Dating.
In Realität: Die Wischtechnik, um die Entscheidungen auszuführen, ist ideal für die mobile Anwendung (wie das Wischen entstanden ist). Die Gamification-Elemente tragen wesentlich dazu bei, dass die Nutzung konstant und hoch bleibt. Gegen diese spielerische Form des Partneraussuchens wirkt die App von Parship z.B. so prickelnd wie Online-Banking.

4. Das Fehlen einer Historie

Die Absicht: Auf die Tinder-User wartet nach dem Wischen im Kernmodus immer schon der nächste Kandidat. Ziel ist es, möglichst viele Profile geprüft zu haben, damit die Wahrscheinlichkeit einer Übereinstimmung erhöht wird.
In Realität: Es gibt keine Historie über die bereits gecheckten Profile. Bei den vielen Wischbewegungen kann es gut vorkommen, dass einem bei einem Match nicht mehr bewusst ist, was man dabei gedacht hat. So reagiert unsere Testperson beim ersten Match mit Verwunderung. Sie ist sich ziemlich sicher, dass sie den Kandidaten nicht bestätigt hat. Der Vorteil einer Historie z. B. auch später im Chatmodus wäre zudem, dass man die Kandidaten rangieren oder mit Stichwörtern versehen könnte.

5. Zielgruppen-Segmentierung unerwünscht

Die Absicht: Natürlich, Tinder soll es jedermann und jeder Frau erlauben ein Date zu bekommen. Welche Art von Dates – ob nur für einmal angedacht oder für ein längeres Kennenlernen – darüber schweigen sich die Gründer aus.
In Realität: Unsere Testperson wird ab und zu eindeutig angesprochen. Sie wünscht sich daher, dass es idealerweise ein Tinder A für Beziehungen und ein Tinder B für alles ausserhalb von Beziehungen geben würde. Sie glaubt jedoch nicht an dessen Machbarkeit, da die Abenteurer sich eben gerne auch dort einfinden, wo die ernsthaft Suchenden sich treffen.

​Unsere Einschätzung

Tinder schafft es mit einem absolut überzeugenden, schlanken Interaction Design die User schnell an sich zu binden. Für eine länger anhaltende Nutzung müssten aber einige Features eingebaut werden, damit gerade die Beziehungssuchenden besser bedient werden. Unsere Testperson hat sich bereits von Tinder verabschiedet: Die Chats mit ihren Matches sind einfach zu langweilig geraten.

*Disclaimer an UX-Experten: Die Analysepunkte haben sich induktiv aus dem Testfall heraus ergeben. Wir haben keine Evaluations-Heuristik benutzt.

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